Der Begriff der Autorität hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte gewandelt. Früher war Autorität untrennbar mit einer von Gott gegebenen Ordnung verbunden, die Stabilität und Sicherheit symbolisierte. Dabei stand der unbedingte Gehorsam gegenüber Institutionen wie Kirche, Staat oder Familie im Vordergrund, denn diese galten als unangefochtene Träger von Wahrheit und absoluter Macht. Dieses Autoritätsverständnis wurde im späten 18. Jahrhundert durch die Aufklärung sowie die Französische Revolution entscheidend in Frage gestellt.
Im letzten Jahrhundert waren es vorwiegend junge Menschen, die in den 60er-Jahren an den herrschenden Strukturen rüttelten. So kritisierten die Hippies den konsumorientierten Lebensstil jener Zeit aufs heftigste. Die 68er Bewegung brachte junge Menschen in liberalen Staaten und Regionen dazu, für eine bessere Welt auf die Strasse zu gehen. Der Protest gegen den Vietnamkrieg und das Einfordern von Rechten einte sie. Ihre Rebellion richtete sich gegen die starren Strukturen und eine rigide Sexualmoral. In jener Zeit kam der antiautoritäre oder permissive Erziehungsstil auf – als Gegenmodell zum traditionellen Verständnis vom Umgang mit Kindern und Jugendlichen.
Heute ist das Verständnis von Autorität komplex und vielfältig geworden. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft wird Autorität nicht mehr nur durch Positionen oder Institutionen verliehen. Sie entsteht beispielsweise durch die Anerkennung individueller Leistungen, durch Expertise oder durch die moralische Integrität einer Person. Autorität kann auch durch die Fähigkeit entstehen, Vertrauen und Respekt zu gewinnen, sei es durch berufliche Erfolge, als Führungskraft, als Wissenschaftler:in oder auch als Influencer:in.
Autorität begegnet uns in allen Bereichen unseres Lebens. In der Familie geht es um die elterliche Autorität, in der Schule um die Autorität der Lehrpersonen. In der Arbeitswelt ist es der Führungsstil von Leitungspersonen, welche über Autorität verfügen oder eben nicht. Und dann gibt es natürlich noch die staatliche Autorität. Heutzutage scheint es, als würden autoritäre Führungspersönlichkeiten und autoritäre Regimes wieder vermehrt im Trend liegen.
Noch gibt es keine einheitliche Theorie über das Gelingen von Führung. Ein Grund könnte darin liegen, dass Autorität Ausdruck eines wechselseitigen und äusserst komplexen Beziehungsgeschehen ist. Damit Beziehung gelingt braucht es, Präsenz, Transparenz, Glaubwürdigkeit, Beharrlichkeit und die Fähigkeit, sich selbst zu steuern, sich selbst zu reflektieren und in Frage stellen zu lassen.
Auch in der Pädagogik bleibt der Begriff Autorität schillernd. Mit dem Wegfall der herkömmlichen Autorität und dem Scheitern des permissiven Erziehungsstils hat sich ein Vakuum gebildet, das viele Eltern verunsichert. Gesellschaftliche Veränderungen verlangen nach neuen Wegen in der Erziehung, die jedoch meist nicht mit den Erfahrungen aus der eigenen Kindheit übereinstimmen. Die Vorstellung einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen ist weit verbreitet. Doch eines bleibt: Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen Orientierung, Schutz und Halt bieten. Wie lässt sich das in der Praxis umsetzen?
Wenn die Welt weitergeht, kann auch die Schule nicht stehen bleiben. Früher galt eine Lehrperson als Teil eines ehrfurchtgebietenden Berufsstands. Heute reicht es nicht mehr, sich auf das traditionelle Autoritätsverständnis zu berufen, das auf Gehorsam, Verbote, Sanktionen und Strafe setzt. Doch – welche Mittel stehen für einen respektvollen und gewaltfreien Umgang mit Kindern und Jugendlichen zur Verfügung? Wie können sich Erwachsene wirkungsvoll durchsetzen?
In ihrem Buch „Stärke statt Macht“ (2004, S.27) formulieren Omer und v. Schlippe: „Wie kann das Vakuum wieder gefüllt werden, das durch den Wegfall der traditionellen Autorität entstanden ist, so dass die Kinder entwicklungsfördernde Erfahrungen mit Grenzsetzungen, Anforderungen und der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten machen können – und zwar auf eine moralisch und gesellschaftlich vertretbare Weise.“
Antworten auf diese Fragen liefert das Konzept der Neuen Autorität, welches Haim Omer und Arist von Schlippe zu Beginn der 90 Jahre entwickelt haben.
Wenn Sie mehr über das Konzept der Neuen Autorität wissen möchten oder wenn Sie eine Beratung zur dessen Einführung an Ihrer Schule oder in Ihrem Betrieb wünschen, kontaktieren Sie mich einfach.
11.02.2025, Ursula E. Brunner